Issue Ownership (dt.: Themenführerschaft) ist ein weitverbreitetes Konzept zur Analyse von Wahlverhalten und Parteienwettbewerb. Die Auswirkungen von Issue Ownership in der parlamentarischen Arena wurden allerdings bisher wenig erforscht. Der weit verbreitete Anstieg an elektoraler Volatilität erhöht das Risiko für kleinere Parteien, am Wiedereinzug ins Parlament zu scheitern. Tritt so ein Fall ein, verändert sich die Ausgangslage, anhand welcher Parteien ihre strategischen Überlegungen ausrichten, insbesondere wenn die fehlende Partei eine klare Themenführerschaft innehat. Aber wie genau beeinflusst der Verlust parlamentarischer Repräsentation einer die Themenführerschaft innehabenden Partei die parlamentarischen Issue-Strategien der übrigen Parteien? Aufbauend auf bestehender Literatur nimmt die Haupthypothese dieser Arbeit eine Zunahme von parlamentarischem Issue Trespassing an. Zusätzliche Hypothesen gehen davon aus, dass höherer Wettbewerb um Wählerstimmen sowie höhere Salienz des Themas in der Bevölkerung diesen Effekt verstärken. Auf Individualebene wird angenommen, dass der Effekt für Mitglieder des mit dem betreffenden Thema befassten Ausschusses sowie für Abgeordnete, welche ihr Mandat in einem Wahlkreis gewonnen haben, in welchem die Partei mit Themenführerschaft stark ist, zunimmt. Parlamentarisches Issue Trespassing wird als Zunahme der Wahrscheinlichkeit von parlamentarischen Anfragen zum Issue, über welches die fehlende Partei die Themenführerschaft inne hat, operationalisiert. Die vorliegende Arbeit behandelt den Fall der Partei "Die Grünen - Die Grüne Alternative" in Österreich, welche die Themenführerschaft über das Umweltthema inne hat und zwischen 2017 und 2019 nicht im Nationalrat vertreten war. Um die Hypothesen zu testen werden auf Basis von Daten zu parlamentarischen Anfragen, welche das Österreichische Parlament bereitstellt, mittels logistischer Regression mehrere Modelle (n = 32424 bzw. n = 9117) erzeugt. Die Ergebnisse zeigen eine Zunahme der Wahrscheinlichkeit, dass die verbliebenen Parteien eine Anfrage zum Umweltthema stellen, für die Zeit, in welcher die Grünen nicht im Nationalrat vertreten waren, um 1,7 Prozentpunkte von 4,3% auf 6%. Diese relative Zunahme um fast 40% bestätigt die Haupthypothese. Außerdem zeigen die Ergebnisse, dass dieser Effekt durch höheren Stimmenwettbewerb und die Stärke der Themenführer-Partei im Wahlkreis verstärkt wird. Die angenommenen Effekte von Ausschussmitgliedschaft bzw. von der Salienz des Themas konnten nicht nachgewiesen werden. Diese Resultate zeigen, dass die übrigen Parteien auf das Ausscheiden der Themenführer-Partei reagieren. Der daraus resultierende Anstieg an Issue Trespassing hat das Potential, die etablierte Themenführerschaft abzuschwächen.
David Thaler (Wed,) studied this question.