Es ist heute allgemein anerkannt, dass eine Bestattung ein Spektrum von Identitäten verbindet und zum Ausdruck bringt, das von gemeinschaftlich bis individuell, von sozial bis kulturell und von gelebten Realitäten bis zu Idealen reicht. Dies galt in der Antike ebenso wie heute. Bei genauer Betrachtung können Bestattungsaufzeichnungen daher wichtige Informationen über antike Gesellschaften liefern. Diese Dissertation untersucht aus archäologischer Perspektive antike Identitäten anhand von Bestattungsaufzeichnungen im Kontext des archaischen Süditaliens und stellt neue Erkenntnisse aus der Nekropole von Metauros in den Vordergrund. Sie konzentriert sich nicht nur auf die materiellen Überreste von Bestattungsfunden, sondern umfasst auch die Diskussion von Skelettfunden und eine detaillierte Kontextanalyse. In der Vergangenheit wurde die Untersuchung archaischer süditalienischer Bestattungsaufzeichnungen stark mit dem Konzept der griechischen Kolonisierung in Verbindung gebracht – einem Modell, das die Interaktionen zwischen Migranten aus der Ägäis einerseits und lokalen Gruppen andererseits beschreibt. Dieses Modell stellt die Migranten aus der Ägäis jedoch als imperiale Agenten dar, die die indigene Bevölkerung systematisch dominierten und ausbeuteten, ein Prozess, der angeblich zur Entstehung der griechischen Poleis in der klassischen Periode geführt hat. Dieser Diskurs konstruierte und verstärkte binäre Identitäten („griechisch” und „indigen”), ein Rahmenkonzept, das sich zunehmend als unzureichend erwiesen hat. Durch die Konzentration auf lokale Gemeinschaften und ihre Mikrogeschichten trägt meine Dissertation zu einem differenzierteren Verständnis antiker Identitäten bei. Das Kernmaterial dieser Studie stammt aus der Nekropole von Metauros im Südwesten Kalabriens, Italien. Diese Stätte, die während der archaischen Zeit (ca. 700–500 v. Chr.) genutzt wurde, wurde in den 1970er Jahren im Rahmen einer Reihe von Notgrabungen ausgegraben und erstreckt sich über eine bekannte Fläche von etwa 2.800 m² mit rund 1.600 Gräbern. Während eine detaillierte Dokumentation, Analyse und Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen bisher nicht möglich war, hat sich das neue Metauros-Archäologieprojekt, das 2022 ins Leben gerufen wurde, dieser Aufgabe angenommen. Eingebettet in dieses Projekt bietet die vorliegende Dissertation eine Untersuchung der ersten Stichprobe aus der Nekropole von Metauros: einer Gruppe von etwa 250 Gräbern aus dem Canerossi-Sektor. Die Ergebnisse zeigen einen bemerkenswerten Grad an gemeinschaftlichem Zusammenhalt in der Bestattungspraxis, insbesondere in der konsequenten Einhaltung der altersbezogenen Differenzierung. Gleichzeitig deutet die Vielfalt in der Auswahl und Beschaffenheit der Grabbeigaben auf ein hohes Maß an individueller Handlungsfähigkeit hin. Am bedeutendsten ist jedoch, dass keiner dieser Aspekte eine binäre „griechische” oder „indigene” Identität vermittelt. Stattdessen deuten sie auf einen ausgeprägten lokalen Charakter hin: facettenreich, aber innerhalb eines zusammenhängenden gemeinschaftlichen Rahmens zum Ausdruck gebracht.
Clara-Maria Hansen (Wed,) studied this question.