Die heutige Zeit – oft als Anthropozän bezeichnet – ist geprägt von einem sich beschleunigenden Klimawandel (KW), global vernetzten Medien und anhaltender kultureller Enteignung indigener Gruppen. In diesem Zusammenhang hat sich ökologische Angst (ÖA) als weit verbreitete affektive Reaktion herausgebildet. Frühere phänomenologische Forschungen haben „epistemische Ausbreitung” als ein Merkmal von ÖA identifiziert und beschreiben damit eine kognitive Tendenz, den KW mit verschiedenen Lebensbereichen in Verbindung zu bringen, sowie eine verstärkte Informationssuche. Diese Arbeit untersucht, welche soziokulturellen Narrative die Erfahrung von ÖA prägen und strukturieren. Unter Verwendung eines Constructivist Grounded Theory (CGT) Ansatz, der sich an der Phänomenologie orientiert, analysiert die Arbeit einen Korpus klimabezogener Bücher, die von Personen mit ÖA als hilfreich für die Sinnfindung zitiert werden. Die Ergebnisse zeigen eine Gegenüberstellung der industriellen Lebenswelt mit einer relationalen Alternative, die oft durch indigene ontologische Frameworks artikuliert wird. Die industrielle Lebenswelt wird wegen ihrer entfremdenden Wirkung kritisiert, die in der objektivistischen Wissenschaft und der Kirche institutionalisiert und in den Ideologien des Kapitalismus und Neoliberalismus verankert ist. Die Attraktivität der indigen inspirierten Lebenswelt, die als Alternative präsentiert wird, scheint sich um eine verstärkte Relationalität zu drehen. Als solche offenbaren die Erzählungen rund um die Lebenswelt im Klimakorpus-Text eine tiefere Dichotomie des Übergangs von einer atomistischen zu einer relationalen Lebenswelt. Der KW wird aufgrund seiner allumfassender Natur als destabilisierende Kraft der atomistischen Lebenswelt identifiziert. Die Ergebnisse deuten ferner darauf hin, dass epistemische Ausbreitung als dicht vernetztes Muster in den Texten des Klimakorpus existiert, wobei sich der KW auf vier Erfahrungsbereiche erstreckt: Zeitlichkeit, Emotionen, Narrative und Identität. Für jeden Bereich zeigen die Texte des Klimakorpus eine Entfremdung in der gelebten Erfahrung der industriellen Kultur, im Gegensatz zu der Vernetztheit in relationalen Kulturen. Epistemische Ausbreitung scheint ein Aspekt einer relationalen Weltanschauung zu sein. Dieser kognitive Aspekt der ÖA wird daher als Reaktion auf eine Diskrepanz zwischen der durch den KW geforderten relationalen Sinnfindung und einer atomistischen industriellen Lebenswelt interpretiert, die nach wie vor dominiert. Anstatt eine kognitive Abnormalität darzustellen, erscheint epistemische Ausbreitung, wie sie sich in wiederkehrenden Themen und Erzählmustern im Korpus artikuliert, als Versuch, eine relationale Ontologie in einem soziokulturellen Kontext zu bewohnen, der diese noch nicht unterstützt. Die These kommt zu dem Schluss, dass ÖA nicht allein als individuelles psychologisches Phänomen angemessen, verstanden oder behandelt werden kann. Das Muster von ÖA mit epistemischer Ausbreitung scheint mit dem Übergang von einer atomistischen zu einer relationalen Weltanschauung zusammenzufallen. Als solches spiegelt es eine umfassendere Krise der soziokulturellen Sinnfindung im Anthropozän wider, in den neu entstehenden relationalen Weltanschauungen in Spannung zu bestehenden Lebensweltstrukturen stehen. Die Auseinandersetzung mit ÖA erfordert daher möglicherweise neben individuellen Bewältigungsstrategien auch kollektive und kulturelle Veränderungen.
Judith Dorothea Veld (Thu,) studied this question.