Die vorliegende Arbeit hinterfragt die in der Forschung vorherrschende Dichotomie von Staatlichkeit und Kriminalität bei der Untersuchung der transnationalen organisierten Kriminalität im Mexiko des 20. Jahrhunderts. Als alternative Perspektive entwickelt sie das Konzept des Staat-Kriminalitäts-Komplexes (state-crime complex). Aufbauend auf Staatstheorie und kritischer Kriminologie argumentiert die Arbeit, dass Staat und Kriminalität einander nicht als Gegensätze gegenüberstehen, sondern koproduziert und voneinander abhängig sind. Als zentralen gemeinsamen Mechanismus, über den Macht ausgeübt und illegale Ökonomien unter dem Regime der Partido Revolucionario Institucional (PRI) gesteuert wurden, identifiziert die Arbeit das Schutzgelderpressungssystem. Methodisch verbindet sie diesen Rahmen mit einer akteurszentrierten historischen Analyse. Dabei wird nachgezeichnet, wie lokale, bundesstaatliche und föderale Behörden Schutzsysteme aufbauten, verwalteten und ausweiteten – von kommunalen und bundesstaatlichen Arrangements über die föderale Zentralisierung des Plaza-Systems bis hin zur militarisierten Teilprivatisierung, angestoßen durch den Aufstieg der Gruppe Los Zetas. Die Analyse zeigt, dass sich die untersuchten Personen einer klaren Einordnung als „staatliche“ oder „kriminelle“ Akteure häufig entziehen und stattdessen wechselnde Positionen entlang eines Kontinuums von Staatlichkeit und Kriminalität einnehmen. Durch die Betonung gemeinsamer Mechanismen anstelle einer normativen Grenze zwischen Staat und Kriminalität geht die Studie über Erklärungsansätze von state capacity, state crime und Pax priista hinaus. Sie bietet eine historisch fundierte Darstellung davon, wie Schutzgelderpressungssysteme transnationale organisierte Kriminalität strukturierten, Gewalt regulierten und Herrschaft im Mexiko der PRI-Ära stabilisierten.
Aron Lenny Teuscher (Wed,) studied this question.