Diese Masterarbeit untersucht den biopolitischen Konstruktionsprozess numerischer Modelle des menschlichen Körpers, dargelegt im Technical Report on Human Factors and Medicine No. 154 (RTO-TR-HFM-154) der NATO Research and Technology Organization einzelnes und befasst sich dabei mit der Ambition des Dokuments, militärische Truppen als ein einzelnes, umfassendes Objekt von Gouvernementalität zu konstituieren (Scheel, 2020). Verortet in der Sensibilität der Science and Technology Studies (STS) sowie in der biopolitischen Theorie von Michel Foucault (1976), analysiert die Arbeit die Prozesse der Reduktion menschlicher Körper zu abstrakten numerischen / berechenbaren Objekten sowie die materiellen Konsequenzen, die diese Form der Regierung für die gelebten Erfahrungen realer Soldat*innen in Kriegsgebieten hat. Zentrale Ergebnisse zeigen, dass RTO-TR-HFM-154 sich nicht mit den Körpern der Soldat*innen als komplexen, wahrnehmenden, heterogenen sowie kulturell und situativ eingebetteten Entitäten befasst. Stattdessen ersetzt das Dokument reale leibliche Körper durch numerische Modelle – kalkulative Entitäten und technowissenschaftliche Artefakte, deren Physiologie parametrisiert, modelliert, standardisiert und über die nationalen Grenzen der NATO-Staaten hinweg koordiniert werden kann. Kalkulative Ernährung innerhalb der Skripte von RTO-TR-HFM-154 wird als standardisiertes Instrument von Wissen und Regierung hervorgebracht (Asdal Frohlich, 2017; Latour, 2005): Soldat*innen werden nicht als kontingente menschliche Wesen genährt, sondern als numerische, funktional kompatible Einheiten, deren Befolgung der Skripte von RTO-TR-HFM-154 (Akrich, 1992) letztlich ihre Überlebenschancen bestimmt. Die beobachtete Logik technowissenschaftlicher Standardisierung, die die Zugehörigkeitsgrenzen des soldatischen Körpers materiell definiert, indem sie ihn administrativ (un)sichtbar macht, zeigt, wie Fürsorge und Kalkulation in den Skripten von RTO-TR-HFM-154 wechselseitig konstitutiv sind: Während Fürsorge die Abstraktion und Standardisierung der Körper legitimiert, autorisieren Berechnungen deren operative Anwendung. Dennoch übersteigen die Komplexität menschlicher Körper und die kontingenten Umwelten militärischer Konflikte in hohem Maße die Vorhersagefähigkeit der Datenmodelle von RTO-TR-HFM-154. Diese Masterarbeit zeigt die Grenzen und die umfassende Instabilität der Gouvernementalitätslogik von RTO-TR-HFM-154 auf und argumentiert, dass es sich dabei nicht um ein fallspezifisches, sondern um ein strukturelles Phänomen handelt: Regierung durch Standardisierung tendiert inhärent dazu, Ausschlüsse, Auslassungen sowie qualifizierte Formen situierter Verwundbarkeiten zu produzieren.
Anna Veduta (Thu,) studied this question.