Sexuelle Selektion beruht auf der Übertragung und Bewertung von Signalen, die die Partnerwahl beeinflussen. Zunehmende Evidenz deutet jedoch darauf hin, dass Wahrnehmung grundsätzlich kontextabhängig ist. Signale werden nicht isoliert bewertet, sondern innerhalb eines umfassenderen visuellen und sozialen Rahmens interpretiert. Bei Lachtauben (Streptopelia risoria) wurde die Anfälligkeit für größenbasierte optische Illusionen bereits im Nahrungskontext nachgewiesen, was darauf hindeutet, dass Wahrnehmungsprozesse Verhaltensentscheidungen beeinflussen können. Ob eine derart kontextabhängige Wahrnehmung auch die Partnerwahl beeinflusst, ist bislang jedoch ungeklärt. Die vorliegende Studie untersuchte, ob kontextuelle Größenwahrnehmung - konkret die Ebbinghaus-Illusion - das Verhalten und die physiologischen Reaktionen von Weibchen während der Balz bei der Lachtaube beeinflusst, einer Modellart mit gut charakterisiertem multimodalem Balzverhalten und neuroendokriner Regulation. Fünfzehn Weibchen wurden Videos desselben balzenden Männchens unter zwei Kontextbedingungen gezeigt: entweder flankiert von größeren Nachbarmännchen (large neighbours-Bedingung) oder von kleineren Nachbarmännchen (small neighbours-Bedingung). Obwohl die Morphologie des fokalen Männchens in beiden Bedingungen identisch blieb, veränderte der relative Größenkontext seine wahrgenommene Körpergröße. Zur Standardisierung des Reproduktionsstatus wurden den Weibchen Estradiol-Pellets implantiert und Blutproben zur Bestimmung der Estradiolkonzentrationen entnommen. Die Verhaltensweisen wurden manuell anhand eines etablierten Ethogramms kodiert. Anschließend wurden das Verhalten und die hormonellen Veränderungen zwischen den Bedingungen verglichen, um Unterschiede in der Bewertung der Attraktivität des Männchens durch das Weibchen zu erfassen. Die Weibchen zeigten in der large neighbours-Bedingung signifikant stärkere Verhaltensreaktionen, darunter erhöhte Flugaktivität, gesteigerte Lokomotion, häufigeres Putzen sowie intensiveres Sexualverhalten. Mehrere Verhaltensweisen nahmen über die Testtage hinweg ab, was auf erfahrungs- oder habituationsbedingte Modulationen hinweist. Die zirkulierenden Estradiolkonzentrationen unterschieden sich nicht zwischen den visuellen Kontexten; es ist jedoch möglich, dass die Implantation der Estradiol-Pellets subtile hormonelle Veränderungen überdeckt hat. Diese Ergebnisse zeigen, dass allein der relative visuelle Kontext das Balzverhalten von Weibchen beeinflussen kann. Indem die Studie nachweist, dass ein und derselbe männliche Partner unterschiedliche Verhaltensreaktionen hervorruft - abhängig ausschließlich von den umgebenden sozialen Hinweisreizen -, liefert sie überzeugende Evidenz dafür, dass die Partnerbewertung durch subjektive Wahrnehmung geprägt wird und nicht isoliert durch die Eigenschaften des Signals selbst. Kontextabhängige Wahrnehmung könnte somit einen wichtigen und bislang unterschätzten Mechanismus der sexuellen Selektion darstellen. Übergreifend erweitern diese Ergebnisse bestehende Modelle der sexuellen Selektion, indem sie betonen, dass Partnerwahl nicht nur von den intrinsischen Merkmalen eines Signals beeinflusst wird, sondern auch davon, wie Empfänger diese Signale innerhalb ihres ökologischen und sozialen Kontexts wahrnehmungsbasiert integrieren.
Finn Louis Adam Kreuzer (Thu,) studied this question.