Einleitungen: Der Arbeitskreis über Wissenschaft und Gesellschaft in der Dritten Welt hat im Studienjahr 1986/87 im vierzehntägigen Rhythmus Probleme unterschiedlicher, meist sozialwissenschaftlicher Disziplinen in Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas diskutiert. Gemäß der Zielsetzung des Arbeitskreises wurde darauf Bedacht genommen, nach Möglichkeit Wissenschafterlinnen aus den entsprechenden Regionen als Vortragende zu gewinnen. Der Grund für die Einrichtung des Arbeitskreises liegt darin, daß trotz vielfacher internationaler Verflechtungen auch die Wissenschaft - neben Wirtschaft, Literatur und anderen Bereichen - der sogenannten Dritten Weit mehr oder weniger Peripherie, als solche abhängig ist, und als inkompetent eingestuft wird. Dies gilt nicht nur für Natur-, sondern auch für Humanwissenschaften. Tatsächlich sind Sonderentwickiungen, besondere Problemschwerpunkte, auch methodologische Eigenheiten vieler akademischer Disziplinen dieser „Peripherie“ feststellbar, die jeweils aus den besonderen regionalen oder nationalen Bedingungen erkiärbar sind. insgesamt schien es uns eine iohnenswerte Aufgabe im Sinn des Verstehens anderer Lebensbedingungen als der unseren, diesem Thema nachzugehen. Bei den hier abgedruckten Referaten wurden die Beiträge der Kolleg/inn/en aus außereuropäischen Ländern vorrangig behandelt. Dies entspricht nicht ganz der Situation, in die jemand in der Regel gerät, wenn er/sie von Kinshasa (Hauptstadt der Republik Zaire) nach Brazzaville (Hauptstadt der Republik Kongo) telefonieren will. Zwischen den beiden Hauptstädten souveräner Staaten liegt kein eiserner Vorhang, sondern ein Fluß, wenn auch ziemlich breit. Wer also anrufen will, wird über das Telefonamt einer euopäischen Kapitale (Paris) verbunden und hört demzufolge zunächst einmal ein längeres "Bitte Warten"! In der letzten Phase des ersten Jahres, vom 11. Mai bis zum 22. Juni erfuhr der Arbeitskreis insofern eine Intensivierung und zugleich Ausweitung, als sechs wöchentliche Diskussionen (im iWK, im Afro-Asiatischen Institut) stattfanden, die gänzlich unter einem Thema standen: die Möglichkeit einer neuen Kulturbewegung zwischen Afrika und Europa. Diese sechs Abende wurden gemeinsam mit der International Trans Cultural Association (auf Initiative von Ms. Yahne Sangarey, Foreign Correspondent UN) durchgeführt. Hierbei sprach jeweils einle österreichische/r und ein/e afrikanische/r Experte/Expertin zu einem einschlägigen Thema (Rassismus, Auswirkung der Wirtschaftsentwicklung auf Frauen, Neue Ziele der Entwicklungspolitik, Neue Rollen der Frauen etc.), wobei entsprechend der Zusammensetzung der Teilnehmer Referate und Diskussionen stets in Englisch abgehalten wurden. Uber diese Diskussionsreihe wird eine gesonderte Veröffentlichung vorbereitet. Franz Wimmer Die Frage, die mit dem Titel der Veranstaltung „Was heißt heute (noch) Vernunft? (Herbst/Winter-Semester 1986/87) gestellt wurde, nimmt ihren Ausgangspunkt vor dem Hintergrund der aufklärungskritischen postmodernen Entwürfe. Die zahlreichen, sich gegenseitig ein- und überholenden Publikationen zum Thema als bloße Modeerscheinung abzutun, würde die Problemlage verkennen, die mit einer radikalen Vernunftkritik aufgeworfen wird. Ein Phänomen ist vor allem bemerkenswert: daß das breite interesse an dieser Diskussion den Rahmen einer innerphilosophischen Debatte sprengt. Mit mißtrauischer Insistenz soll jedoch dem Verabschiedungsgestus begegnet werden, der zentralen philosophischen Begriffen gilt (z.8. Subjekt, Vernunft, Moderne). Vermutlich kann man nur aus einer Reflexion über die Quellen die Problematik lernen; sie wird hier anhand einer Frage im Kontext von Philosophie, Soziologie, Ethnologie und Feminismus umschrieben. Uber eine Diskussion, die nicht nur alten Bahnen folgen will, läßt sich anmerken, daß sie sicher noch nicht beendet ist. Sie zeigt nicht sosehr eine Krise der Philosophie an als vielmehr die Tatsache, daß auch ihre großen Themen weiterer Bearbeitung aus dem jeweiligen Zeitverständnis heraus bedürfen. Frank Hartmann
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